Leben im Kulturraum Wendland

»Wo gehn wir denn hin?« – »Immer nach Hause.«

Novalis, Heinrich von Ofterdingen, 1802

In der Stadt gibt es Kultur, aber keinen Raum. Auf dem Land gibt es Raum, doch angeblich keine Kultur. Und wer das Wendland nicht kennt, dem fehlt womöglich der Vergleich, aber hier gibt es beides.

Der Landkreis Lüchow-Dannenberg ist die am dünnsten besiedelte Region Niedersachsens. Die Elbe zieht sich am nördlichen Rand entlang, das UNESCO-Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue schützt eine der letzten weitgehend naturbelassenen Flusslandschaften Deutschlands: Auen, Feuchtwiesen, Störche auf den Dächern, Seeadler über dem Wasser. Der Elberadweg, einer der beliebtesten Fernradwege Europas, führt mitten hindurch. Die Göhrde, Norddeutschlands größtes zusammenhängendes Mischwaldgebiet, liegt gleich nebenan. Hier lebt man in einer Welt, die anderswo längst verschwunden ist.

Und dann die andere Seite. Als in den 1970er Jahren der Widerstand gegen die Atomanlagen in Gorleben Menschen aus ganz Deutschland ins Wendland zog, kamen mit ihnen Künstler, Handwerker, Musiker, Architekten, Schriftsteller – Menschen, die nicht nur gegen etwas sein wollten, sondern etwas aufbauen. Sie blieben, und sie brachten eine Kultur mit, die es so nirgendwo sonst gibt: selbstgemacht, eigensinnig und von erstaunlicher Fülle. Die »Kulturelle Landpartie«, bei der jedes Jahr über 600 Künstler an mehr als hundert Orten ihre Werkstätten und Scheunen öffnen, gilt als das größte selbstorganisierte Kulturfestival Deutschlands. Die »Sommerlichen Musiktage Hitzacker« gehören zu den ältesten Kammermusikfestivals Europas. Und dazwischen: Ateliers in umgebauten Ställen, Theater in Rundlingsdörfern, Konzerte auf Bauernhöfen.

Diese Mischung zieht Menschen an, die anderswo nicht finden, was sie suchen. Familien, die wollen, dass ihre Kinder draußen groß werden – wirklich draußen, nicht auf dem eingezäunten Spielplatz. Eine Gruppe zwölfjähriger Mädchen kann hier eine mehrtägige Radtour entlang der Elbe machen und zelten, selbst geplant, ohne erwachsene Begleitung. Kinder reiten morgens mit dem Pferd zur Schule, stecken schnell eine Weide neben dem Schulgebäude ab, und reiten nachmittags zurück. Denn was sonst nur Kinderbücher erzählen, hier ist es das echte Leben.

Zugleich gibt es hier, was man auf dem Land zu vermissen fürchtet: Gesprächspartner. Auf Augenhöhe. Menschen, die Bücher lesen und darüber reden wollen. Die etwas mitbringen, aus ihrem Leben, aus der Welt. Kreative, Medienschaffende, Menschen, die etwas mit den Händen machen und etwas mit dem Kopf. Eine Dorfgemeinschaft, in der die Keramikerin neben dem Biobauern wohnt und der Geigenbauer neben der Ärztin. Wer ins Wendland zieht, kommt in der Welt an – und ist hier zu Hause.

Und das Beste daran? Alles ist bezahlbar. Während in den Städten Wohnraum inzwischen vielerorts zum Luxusgut verkommen ist, findet man im Wendland noch Häuser mit Garten, Platz für Kinder und Werkstatt, und eine Landschaft, für die andere Urlaub nehmen, noch gratis mit dazu.

In dieses Wendland hinein wurde 1993 die Freie Schule Hitzacker gegründet, von Menschen, die selbst hierhergekommen waren: Künstler, Lehrer, Handwerker, Geisteswissenschaftler, die für ihre Kinder eine Schule wollten, die zu ihrem eigenen Leben passt. Diese und viele mehr waren es, die das Wendland zu jenem außergewöhnlichen Kulturraum gemacht haben, in dem die Freie Schule Hitzacker gleich einem real gewordenen Sehnsuchtsort ein lebendiges Zentrum bildet. Viele Familien sind seitdem eigens der Schule wegen in den Landkreis gezogen. Die Schule ist Teil dieser Landschaft, dieses Zusammenspiels von Natur und Kultur, und sie wäre an keinem anderen Ort ganz dieselbe.

Fotos

Vielen Dank für die Erlaubnis diese wunderbaren Bilder nutzen zu dürfen

Copyright: Dieter Damschen | Naturfotografie
www.dieterdamschen.de

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