Leitbild: Dreiklang Begegnung-Leben-Erkenntnis
Pädagogik ist für uns kein einseitiger Prozess, sondern ein lebendiger Austausch. Wir verstehen unsere Schule als einen Raum, in dem sich die vermeintlichen Gegensätze des Lebens in einem harmonischen Dreiklang auflösen:
- Begegnung: Schule ist zuerst ein Ort der Beziehung. Wenn sich Eltern, Lehrende und Kinder auf Augenhöhe begegnen, entsteht das Vertrauen, das für jede Entwicklung notwendig ist. In der echten Begegnung von Mensch zu Mensch wird das Fühlen geschult und ein soziales Miteinander erlernt, das weit über die Schulzeit hinausreicht.
- Leben: Wir lernen nicht für eine abstrakte Zukunft, sondern im Hier und Jetzt. Das gemeinsame Leben und Tun bildet den Kern unseres Alltags. Im rhythmischen Wechsel von Konzentration und Entspannung, im handwerklichen Schaffen und im künstlerischen Gestalten wird der Wille angeregt. So verwandelt sich bloße Tätigkeit in Selbstwirksamkeit.
- Erkenntnis: Aus der Verbindung von Erleben und Tun erwächst wahre Erkenntnis. Wir bemühen uns gemeinsam um Fortschritte in der Menschwerdung, indem wir die Welt mit wachem Geist durchdringen. Das Denken wird hier nicht am fertigen Modell trainiert, sondern entwickelt sich an der lebendigen Erfahrung.
Mit Kopf, Herz und Hand gehen wir so gemeinsam den Schritt von der Sinnhaftigkeit über die Erfahrung der eigenen Kraft bis hin zur Selbstverantwortung. Es ist ein Weg, an dessen Ende der junge Mensch steht, der aus innerer Freiheit heraus seinen Platz in der Welt einnimmt.
Ganzheitliche Pädagogik
Die Waldorfpädagogik entstand 1919 im Kontext der reformpädagogischen Bestrebungen in Europa – und aus der Umbruchsituation nach dem Ersten Weltkrieg. Alte gesellschaftliche Formen waren zerbrochen, Menschen suchten nach neuer Orientierung und menschlicheren Werten. Der Unternehmer Emil Molt erkannte, dass die soziale Frage wesentlich eine Bildungsfrage ist – und dass eine Erneuerung der Gesellschaft bei den Kindern beginnen muss. Mit der ersten Waldorfschule in Stuttgart verwirklichte er gemeinsam mit Rudolf Steiner das Menschenrecht auf Bildung für alle Kinder, unabhängig von Herkunft und Stand.
Auf der Grundlage der anthroposophischen Menschenkunde entwickelte Steiner eine Pädagogik, die den ganzen Menschen anspricht: Denken, Fühlen und Wollen werden gleichermaßen gebildet. Diese Grundsätze werden seither weiterentwickelt und sind heute, in einer Zeit tiefgreifender technologischer Umbrüche, so aktuell wie bei der Gründung: Sie stärken die Fähigkeiten, die uns als Menschen ausmachen – schöpferische Kraft, leibliche Präsenz, echte Begegnung und selbstständiges Urteil.
Weil die Waldorfpädagogik die Entwicklung des Kindes über 18 Jahre als Ganzes begreift, sind unsere beiden Kindergärten in die Schule integriert.
Die folgenden Abschnitte zeigen, wie wir diese Grundsätze im Schulalltag verwirklichen.
Schulstufen – Konzept
Wir sind eine Gesamtschule von Klasse 1-13 unter einem Dach. Die Lerntätigkeiten berücksichtigen die entwicklungsspezifischen Lernzugänge. In der Unterstufe wird aus der Bewegung gearbeitet, die Mittelstufe lebt vom bildhaften Unterricht, und die Oberstufe fördert die begriffliche Urteilsbildung.
Die Waldorfpädagogik
An Waldorfschulen gelten künstlerische und kognitive Fächer als gleichrangig, und an der Freien Schule Hitzacker werden die künstlerischen Fächer mit besonderer Hingabe gepflegt. Mit seinem berühmten Satz, bei dem er an eine Aussage von Novalis anknüpfte, brachte Joseph Beuys auf den Punkt, wovon auch wir überzeugt sind: In jedem Menschen schlummert eine schöpferische Kraft, die geweckt werden will.
Nach zwölf Jahren an unserer Schule hat jeder Schüler unter anderem ein Hemd geschneidert, ein Messer geschmiedet, eine Kupferschale getrieben, eine Marionette gebaut, einen Stuhl geschreinert, einen Teppich gewoben. Er hat auf der Bühne gestanden, im Chor gesungen, ein Instrument gespielt. So geht es Waldorfschülern überall auf der Welt, seit über hundert Jahren – und in jedem von ihnen sind schöpferische Kräfte erwacht.
Wer erlebt hat, wie unter seinen Händen Neues entsteht, und die Freude daran kennt, ist ein Künstler im Sinne von Beuys. Dieses Erleben in unseren Schülern zu wecken ist das Ziel unserer künstlerischen Fächer.
Die Waldorfpädagogik versteht sich als Erziehung zur Freiheit: Jedes Kind soll sich zu dem entwickeln können, was in ihm als individuelle Anlage veranlagt ist, und zur selbstbestimmten Persönlichkeit heranreifen. Steiner strebte danach, im Sinne der Sozialen Dreigliederung die Freiheit der Kultur, die Gleichheit in der politischen Gemeinschaft und die Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben in die pädagogische Praxis umzusetzen. Die Waldorfpädagogik gehört zur Reformpädagogik und hat sich weltweit verbreitet: Heute existieren 1.283 Waldorfschulen und 1.922 Waldorfkindergärten in über 60 Ländern.
Der Mensch als Einheit von Leib, Seele und Geist
Im Zentrum der Waldorfpädagogik steht ein Menschenbild, das Leib, Seele und Geist als Einheit begreift. Daraus ergibt sich, dass Kinder in Denken, Fühlen und Wollen gleichermaßen gebildet werden. Steiner beschrieb die kindliche Entwicklung in sogenannten Jahrsiebten – Lebensabschnitte von jeweils sieben Jahren, in denen sich das Kind unterschiedlich entwickelt und jeweils andere Förderung braucht.
Die Entwicklung in Jahrsiebten
Im ersten Jahrsiebt lebt das Kind in der Nachahmung und ahmt die Erwachsenen nach. Im zweiten Jahrsiebt braucht es den Erzieher als Vorbild, zu dem es aufschauen kann – eine Beziehung, die auf Liebe und Vertrauen gründet, nicht auf Zwang. Im dritten Jahrsiebt entwickelt der Jugendliche ein eigenes Innenleben und möchte den Sinn der Dinge erforschen. Das vierte Jahrsiebt bringt Persönlichkeitsreife und Mündigkeit.
Eine Schule für alle Kinder
Die Waldorfpädagogik strebt nach sozialer Gerechtigkeit im Bildungswesen. Waldorfschulen waren die ersten Gesamtschulen, die das Prinzip der Auslese durch eine Pädagogik der Förderung ersetzten. Alle Kinder sollen gemeinsam zwölf Schuljahre durchlaufen, unabhängig von sozialer Herkunft, Begabung oder Berufswunsch. Niemand bleibt sitzen. Der Lehrplan richtet sich weniger nach staatlichen Vorgaben als nach den körperlichen, seelischen und geistigen Entwicklungsbedingungen des Kindes.
Epochenunterricht und Klassenlehrerprinzip
Kennzeichnend sind der Epochenunterricht, bei dem ein Fach über mehrere Wochen täglich im Hauptunterricht behandelt wird, und das Klassenlehrerprinzip, wonach ein Lehrer die Klasse über die ersten acht Schuljahre begleitet. Von Anfang an steht vielseitiger künstlerischer Unterricht neben den sachbezogenen Fächern auf dem Lehrplan. Bereits ab der ersten Klasse lernen die Kinder zwei Fremdsprachen. Handwerkliche und künstlerische Fähigkeiten werden intensiv gefördert, um schöpferische Kräfte, Willen und lebenspraktische Orientierung zu entwickeln.
Vom Bild zum Begriff
In den ersten Schuljahren arbeitet der Unterricht bildhaft, damit Kinder die Welt anschaulich und wesenhaft verstehen. Ab dem 14. Lebensjahr tritt zunehmend wissenschaftlicher Unterricht hinzu, der sich aber weniger als Vorbereitung auf die Universität versteht, sondern Inhalte mit den Lebensfragen junger Menschen verbinden will.
Beurteilungen statt Noten
Waldorfschulen arbeiten ohne Noten. Stattdessen erhalten Schüler ausführliche Beurteilungen, die Leistung, Fortschritt, Bemühen und Begabung differenziert darstellen. Nach zwölf Schuljahren erhalten die Schüler den Waldorfabschluss, der ihre Teilnahme an allen Praktika, künstlerischen Projekten und ihre individuelle Jahresarbeit dokumentiert. Darüber hinaus bieten die Schulen staatliche Abschlüsse an – nach zwölf Schuljahren die Mittlere Reife oder nach einem weiteren Jahr das Abitur. In Ausnahmefällen kann nach zehn Schuljahren ein Hauptschulabschluss erworben werden.
Erkenntnis des werdenden Menschen
Die Methoden der Waldorfpädagogik gründen auf der Erkenntnis der kindlichen Entwicklung und der anthroposophischen Menschenkunde. Rudolf Steiner formulierte: „Was gelehrt und erzogen werden soll, das soll nur aus der Erkenntnis des werdenden Menschen und seiner individuellen Anlagen entnommen sein.” Die Aufgabe der Erziehenden liegt darin, die Anlagen zu fördern, die in jedem Menschen zur freien Selbstbestimmung führen.