Rudolf Steiner hat bekanntermaßen viele Jahre als Herausgeber von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften gearbeitet, bevor er 1919 die erste Waldorfschule gründete – und diese Jahre haben sein pädagogisches Denken tief geprägt. Goethe war eben nicht nur Dichter, sondern auch Naturforscher von ungewöhnlicher Beharrlichkeit: Seine Farbenlehre, seine Studien zur Metamorphose der Pflanzen, seine geologischen Beobachtungen entstanden aus jahrzehntelanger, geduldiger Auseinandersetzung mit der Natur selbst, aus der Überzeugung, dass sich die Gesetzmäßigkeit einer Erscheinung dem erschließt, der ihr mit allen Sinnen und mit seinem ganzen Denkvermögen begegnet – und der die Geduld aufbringt, beim Phänomen zu verweilen, bis es zu sprechen beginnt. In dieser Haltung erkannte Steiner ein pädagogisches Grundprinzip und machte sie zur Methode des naturwissenschaftlichen Unterrichts an Waldorfschulen: das Phänomen zuerst, sorgfältig wahrgenommen und beschrieben, dann die geduldige Suche nach Regelmäßigkeiten – und erst am Ende, als reifes Ergebnis dieses ganzen Weges, der Begriff, die Theorie, das Modell.
An der Freien Schule Hitzacker beginnt diese Begegnung mit der Natur lange bevor die Schülerinnen und Schüler ein Physik- oder Chemieheft aufschlagen. In den ersten Schuljahren begegnen die Kinder der Natur durch Erzählung und Bild – durch Geschichten von Tieren, Pflanzen und Steinen, die noch nicht erklären, sondern zeigen. In der Mittelstufe tritt an die Stelle des bildhaften Erlebens die genaue Beobachtung und Beschreibung: Tier-, Pflanzen- und Gesteinskunde, später Physik und Chemie, alle noch nah am Phänomen, noch frei von vorschneller Abstraktion. In der Oberstufe reift aus diesem langen Weg der Beobachtung und Erfahrung die Fähigkeit zur selbstständigen begrifflichen Auseinandersetzung. Die fertige Theorie, der definierte Begriff, das Modell stehen am Ende eines Weges, den die Schülerinnen und Schüler selbst gegangen sind.
Physik
Physik ist an der Freien Schule Hitzacker ein Fach der genauen Wahrnehmung. Ab der sechsten Klasse begegnen die Schülerinnen und Schüler den großen Gebieten der physikalischen Welt – in jährlich wechselnden Epochen, die sie von der Mittelstufe bis in die Oberstufe begleiten. Das Experiment ist dabei der eigentliche Erkenntnisweg: Was am Versuchstisch wahrnehmbar wird, steht am Anfang; die Schülerinnen und Schüler beobachten, beschreiben und halten ein vorschnelles Urteilen zunächst zurück. Was sich darin an Regelmäßigkeit abzeichnet, erschließen sie selbst.
In der sechsten Klasse sind es Akustik, Optik, Wärmelehre und Elektrostatik – Phänomene, die den Kindern aus dem Alltag vertraut sind und die nun zum ersten Mal in ihrer Gesetzmäßigkeit sichtbar werden. In den folgenden Jahren kommen Mechanik, Magnetismus, Hydromechanik und Elektrizität hinzu, bis sich die Felder der Physik zu einem vollständigen Bild zusammenfügen.
Ab der elften Klasse tritt das Modell hinzu – und das hat einen pädagogischen Grund: Erst in diesem Alter können Jugendliche Wirklichkeit und theoretisches Modell klar genug voneinander unterscheiden, um beides in einem fruchtbaren Verhältnis zueinander zu halten. Das Atommodell, die Wellentheorie des Lichts, die Grundlagen der Quantenphysik – sie werden zum Werkzeug eines Denkens, das aus der langen Erfahrung mit wirklichen Phänomenen gewachsen ist.
Chemie
In der siebten Klasse hält die Chemie Einzug, und sie beginnt mit dem Einfachsten: mit Feuer und Kalk. Die Schülerinnen und Schüler beobachten, wie Holz verbrennt – was vorher da war, was davon bleibt, was in die Luft entweicht. Sie sehen, wie Kalkstein im Feuer seinen Charakter verändert, wie er, mit Wasser gelöscht, wieder erhärtet und dabei Wärme abgibt. In diesen Vorgängen, die man mit den Augen verfolgen und mit den Händen fühlen kann, tritt das Wesen der Chemie zum ersten Mal hervor: Stoffe reagieren, verwandeln sich, gehen ineinander über.
Von diesem Einstieg aus entfaltet sich das Fach über die Jahre. In der achten Klasse stehen Säuren, Basen und Salze im Mittelpunkt – Stoffe, deren eigentlicher Charakter sich erst im Verhalten zueinander zeigt, im Reagieren, im Ausgleichen, im Verbinden. In der neunten Klasse sind es die Metalle: wie sie aus dem Erz gewonnen werden, wie sie sich unter Hitze und Hammerschlag verhalten, welche Verbindungen sie eingehen. Was die Schülerinnen und Schüler im selben Jahrgang im Schmiedeunterricht am Amboss mit den Händen erfahren, erschließt sich in der Chemieepoche in seiner stofflichen Tiefe.
Ab der zehnten Klasse weitet sich das Feld zur organischen Chemie. Hier geht es um jene Verbindungen, die im Lebendigen selbst entstehen – in der Pflanze, die Licht in Zucker verwandelt, im Tier, das atmet und verdaut, im Menschen, dessen Körper unablässig abbaut und aufbaut, zersetzt und erneuert. Diese Vorgänge lassen sich chemisch beschreiben, und der Unterricht tut das – mit dem Blick auf die innere Ordnung, aus der lebendige Verwandlung hervorgeht.